Allgemein

HIER und JETZT

Jeder Mensch hat eine eigene Lebensgeschichte. Dieses kostbare Juwel ist es wert, erzählt zu werden. Besonders, wenn es sich um die eigene Familiengeschichte handelt. Denn sie beantwortet auch Fragen der heutigen Generation nach dem Hier und Jetzt. Ein Artikel darüber, warum es sich lohnt, Familienforschung zu betreiben.

Ich erinnere mich nicht genau, wann ich anfing, Fragen zu stellen. Vermutlich schon früher als mir bewusst ist. Mit 20 Jahren war ich in der Krankenpflegeausbildung in Hamburg und dort hatte ich den ganzen Tag mit zumeist älteren Menschen zu tun. Wenn man auf Station ist und sie pflegt, kommt man ihnen nahe. Beim Bettmachen, Fiebermessen, Urinkatheterlegen, beim Füttern und der Medizingabe.

Das alles waren Tätigkeiten am Menschen oder – so nannten wir Pflegekräfte es damals -„am Bett“. Das Wichtigste aber, das war das Gespräch. Die Fragen und das Zuhören. Es war eigentlich egal, ob man gerade die Haare einer Patientin kämmte oder ihren Rücken mit einem Schwamm und Duschgel wusch während sie in der Badewanne saß, ob man als Krankenpflegeschülerin Teebeutel sortierte oder Venenwickel aufrollte – das Gespräch mit den Menschen dort, das war zentral.

Die Kostbarkeit einer Lebensgeschichte

Jeder Mensch hat eine Lebensgeschichte, die sich in viele kleinste Einzelteile auffächert und tausend Farben hat. Das ist das Faszinierende: Egal, wo wir leben und hergekommen, was gerade jetzt ist und noch sein wird – wir alle haben diese eine Lebensgeschichte, jede und jeder einzelne von uns. Sie ist einmalig. Es mag Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und große Unterschiede geben zwischen ihnen allen. Aber die Kostbarkeit einer Lebensgeschichte wiegt ganz für sich allein.

Ich habe damals viele gehört auf Station und später wurden es noch mehr. Als ich als Studentin in Berlin todkranke Menschen zuhause in ihren vier Wänden in ihrer letzten Lebensphase begleitete, haben einige von ihnen immer auch von dem „alten Berlin“ erzählt. Mit dem „alten Berlin“ war die Hauptstadt vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe gemeint. „Es war wunderschön, kein Vergleich mit jetzt“, sagte eine Steglitzerin, die ich wegen ihres Diabetes zuhause betreute. Sie berichtete mir, wie der Potsdamer Platz ausgesehen hatte und das Haus Vaterland und wie sie dort Kaffee trinken war und sich dafür mit einem feinen Kleid zurechtgemacht hatte. Es war so bildlich wie sie das erzählte, dass ich sie vor mir sah, wie sie die dort die Leipziger Straße entlangging, in ihrem schwingenden Kleid, ganz jung und lebenshungrig. Ich konnte sie einfach fragen, wie Berlin damals ausgesehen hatte und sich anfühlte, wie sie die Stadt jetzt sieht, was damals passiert war nach dem Krieg, eigentlich alles. Das ist ein großes Glück! Dass Menschen gerne erzählen – wenn man ihnen Fragen stellt – und dass es eigentlich keine langweiligen Geschichten gibt in dieser Welt.

Familiengeschichte im Brennglas

Nach der eigenen Familiengeschichte zu fragen, ist ergo eine logische Konsequenz. Nur dass man da nun selbst irgendwie mit im Boot drinsitzt, etwas abseits zwar, aber eben doch drin. Die Lebensgeschichten unserer Eltern und Großeltern sind einmalig für uns. Sie geben uns Erklärungen dafür, warum alles „so“ ist und auch, warum wir „so“ sind. Aber was machen wir mit dem „so“? Können wir es auflösen? Können wir das Bild scharf stellen wie mit einer Kamera und ihm anschließend einen passenden Bilderrahmen geben?

Die eigene Familiengeschichte ist ein Teil von uns. Sie kann uns Angst machen oder ganze Schätze nach oben holen, hinein ins Licht. Vielleicht auch beides. Die Frage „Was ist damals passiert?“ ist keine, die in zwei Sätzen beantwortet werden wird. Sie wird Mosaiksteinchen aufzeigen, kleine und größere. Einige blitzen und blinken, andere sind verstaubt, ja, kaum zu sehen. All das ist normal. Wer sich auf die Suche nach der Vergangenheit begibt, der findet sich an Weggabelungen wieder und manchmal auch Irrwegen. Denn Erinnerungen sind meistens oral überlieferte Erzählungen ohne Gewähr auf Vollständigkeit. Unsere Suche aber wird belohnt mit Mosaiksteinchen, die ein neues Bild auch unseres eigenes Lebens ergeben. Des HIER und JETZT. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Denn die Steinchen pflastern und prägen unseren eigenen Lebensweg, der auch in unsere Zukunft führt.

Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Die Familiengeschichte meiner Mutter ist eine besondere. Weil es auch ein Teil meiner Geschichte ist, da meine Mutter uns Kinder natürlich geprägt hat. Gleichzeitig ist sie eine unter tausenden. Aber ich bin mir sicher: Der Sommer an der Ostsee 1944 wie sie ihn erlebt hat, muss herrlich gewesen sein!

Ich glaube, meine Mutter war viel draußen damals. Es war ein sehr heißer Sommer in Pommern dort an der Ostsee. Die Kinder tobten durch die Kiefernwälder und über die Dünen. Meine Mutter hatte kurze Kleider an, ein sechsjähriges Mädchen, der Stoff reichte ihr bis zu den Knien und sie trug geflochtene Zöpfe, die zu Affenschaukeln eingebunden waren. Auf Schwarz-Weiß-Fotos sehe ich einen fröhlichen, entschlossenen, kleinen Menschen, der selbstbewusst in die Kamera guckt. Mein Opa hatte damals schon einen hochwertigen Fotoapparat, den er ausgibig nutzte, um Fotos von seinen Kindern und seiner Frau zu machen. Urlaub in Ostpreußen, Strandkörbe und überall spielende, hüpfende Kinder im Sand. Ich habe diese Fotos im Original gesehen. Meine Großmutter hatte sie trotz der Flucht aus Königsberg retten können und später feinsäuberlich in Fotoalben eingeklebt, mit kurzen erklärenden Sätzen dazu. So als wäre die Welt im Fotoalbum wenigstens ein bisschen in Ordnung geblieben.

Es gibt ein Foto, auf dem meine Mutter mit ihren Geschwistern zu sehen ist: Peter, der ältere Bruder, die jüngere Schwester Gila, die kleine Irmgard genannt Irmi, die Mutter Lieselotte und ihre Eltern. Die Gruppe liegt entspannt im Sand und wirkt völlig gelöst. „Opa, lach mal, forderten wir unseren Opa auf. Und dann lachte er und sein kugelrunder Bauch hüpfte dabei auf- und ab, was uns noch mehr Spaß machte“, erzählt meine Tante Gila.

Ein Berliner Waisenhaus in Pommern

Mein Urgroßvater Willi Heinrici war Volksschullehrer und Berliner. Er war seit 1920 Leiter der Wadzeck-Anstalt, einer evangelischen Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sich um Waisenkinder zu kümmern. Die Stiftung hatte ihren Sitz in Berlin-Lichterfelde in der Limonenstraße. Etwa 120 Kinder im Alter von drei bis 18 Jahren lebten damals in der Wadzeck-Anstalt und gingen dort auch zur Schule. Als die Bombenangriffe 1943 in Berlin immer heftiger wurden, entschied die Leitung, dass die Kinder evakuiert werden sollten. Das Erholungsheim der Stiftung an der pommerschen Ostseeküste war eine große Villa mit mehreren Nebengebäuden. Mann und Maus zogen nun in den kleinen Ort Deep nahe Kolberg. Das Fischerdorf direkt an der Ostsee war durchzogen mit vielen Dünen und einem Kiefernwald. Ein idealer Ort zum Spielen für Kinder.

Meine Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt noch in Königsberg. Die Berliner Familie Schultes war aufgrund der Tätigkeit des Vaters Dr. Werner Schultes 1938 von Berlin in die preußische Hauptstadt gezogen. Mein Opa war Arzt. Er wollte seine internistische Facharztausbildung an der Universitätsklinik in Könisgberg absolvieren und hatte dort noch gute Beziehungen aus der Zeit seiner Medizinstudiums. „Wir hatten eine große, schöne Wohnung in der Nähe der Wallanlagen“, erinnert sich meine Mutter. Die Kinder spielten im Innenhof mit den Nachbarn, rauften miteinander und vertrugen sich wieder. Meine Oma, Liselotte Schultes, war medizinisch-technische Assistentin und hatte ihre Ausbildung an der Berliner Charité gemacht. Sie hatte sich, wie ihr Mann, ganz der Medizin verschrieben und hätte es fast selbst studiert. Als die Angriffe auf Königsberg immer heftiger wurden, entschloss sich meine Oma 1944 auf Anraten ihres Mannes, der als Militärarzt und Offizier ein Lazarett in der Nähe der Front leitete und dadurch immer aktuelle Nachrichten parat hatte , Königsberg zu verlassen. Mit ihren vier Kindern im Alter von acht bis zwei Jahren verließ sie die liebgewonnene Stadt und zog vorübergehend zu ihren Eltern und deren Waisenkindern nach Deep. Dort, in dem kleinen Dorf, schien alles noch ruhig zu sein. Man könne „Pommern halten“, hieß es.

Die Ruhe vor dem Sturm

Mein Onkel Peter, 1936 geboren, war damals Grundschüler. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1986 hatte er noch einen Bericht verfasst über die Zeit in Deep 1944, die er als sorglos und sehr frei empfunden haben muss. Er war bereits zwei Jahre in Königsberg zur Schule gegangen. In Deep gab es nur eine einfache Volksschule, deren Schulbank nun eine bunte Mischung jüngerer und älterer Kinder drückte – Einheimische und Flüchtlinge. Die Idylle der Wadzeck-Villa an der Ostsee war im Grunde eine Art Ruhe vor dem Sturm. Denn Nazi-Deutschland war kurz vor seinem endgültigen Untergang. Millionen Deutsche würden sich Wochen und Monate später auf die Flucht begeben, jetzt noch nichtsahnend, darunter auch die Familie Schultes gemeinsam mit den Kindern der Wadzeck-Anstalt und ihrem Leiter Willi Heinrici.

Onkel Peters Bericht endet im März 1945 mit den Worten: „Die Russen kommen nach Deep.“ Seine Schwester, die 6-jährige Marlise, meine Mutter, weiß noch, dass sie alle am 11. März um die Mittagszeit die Wadzeck-Anstalt fluchtartig verließen. Alle Kinder, das Personal, die Lehrer, mein Urgroßvater und seine Familie. Sie gingen zu Fuß los, meine Oma schob den Kinderwagen mit etwas Gepäck und der kleinen Irmi. „Wir hatten nichts mit, nur die eigenen Kleider, die wir am Leib trugen, auch meine Puppe oder irgend ein anderes Spielzeug musste ich zurücklassen“, sagt meine Mutter. Und so wurde aus einer ganz normalen, glücklichen Kindheit…

… eine Kindheit auf der Flucht.

Wie ging es weiter? Über die Geschichte meiner Familie auf der Flucht und nach 1945 werde ich hier in meinem Blog weiter berichten.

Allgemein

Der silberne Moment

Wir optimieren uns permanent. Und merken gar nicht, wie kaputt uns das macht. Denn während wir an der Scheibe des Lebens drehen, damit immer alles rund läuft, rennt uns das Glück unbemerkt davon. Was also tun im Neuen Jahr?

Mehr Bewegung, mehr Umweltbewusstsein, mehr Geld – all diese guten Vorsätze für das Neue Jahr haben jetzt Hochkonjunktur. Sie müssen jetzt, hier und heute von uns umgesetzt werden. Denn während wir das Jahr über an uns herumdoktorn, merken wir zum Ende hin: Oh, jetzt gehts los! Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, das ist eine 2020besondere! Die Zeitschriften- und Buchläden sind vollgestopft mit Jahreshoroskopen und Ratgebern, die uns aufmunternd zuzwinkern als würden sie sagen wollen: Kauf mich, ich weiß es besser als Du! Wie Du schön, schlank, befreit und bewusst wirst im Neuen Jahr.“ Und der Jahresanfang jetzt, er hält uns kläglich den Spiegel vor: Hattest Du nicht gesagt, Du wolltest keine Süßigkeiten mehr essen am Arbeitsplatz? Dein Fleischkonsum, na, immer noch nicht reduziert? Wolltest Du Dich nicht ehrenamtlich im Verein für geflüchtete Kinder engagieren?

Nun ist das Neue Jahr schon wieder zwei Wochen alt. Ich stelle fest, dass es sich ziemlich gut anfühlt, dieses erste Zwanziger-Jahr. Ich habe immer noch nicht 100 Prozent auf Plastikverzicht umgestellt und meinen Banenenbaum habe ich auch noch nicht umgetopft. Meine Vorsätze sind nicht golden, sondern irgendwie wie ungeputztes Silber. Das Unperfekte ist gut, genau so wie es ist. Ich bin entspannt. Ich mag Silber. Gold war mir immer schon suspekt. Das Immer-Mehr–haben-Wollen weicht einem zufriedenem Ich-bin-hier. Bei dem Begriff Working-Life-Balance rümpfe ich heute die Nase. Früher hatten wir Hobbies und Freizeit, jetzt geht es um die Balance und die richtige Dosierung, – wie bei einem lebenserhaltendem Medikament. Dabei war uns Menschen ein ausgewogenes Leben doch früher auch schon wichtig. 

Dass Depressionen gerade in hochindustralisierten Ländern zunehmen, ist kein Geheimnis. Es wird viel darüber geschrieben und ein paar mutige Autor*innen outen sich sogar, darunter wenige Prominente. Wir denken, wir gehen offen mit dem Thema Depressionen um. Aber den Konfikt anzugehen des Mehr-Wollens versus des gleichzeitig Nicht-Könnens – eine der Ursachen für dieses Krankheitsbild – da wagen wir uns nicht ran. Allein in meinem Freundeskreis gibt es vier Menschen, die in den vergangenen Jahren heftige Erschöpfungszustände erlitten haben hin zu völliger Arbeitsunfähigkeit. Diese Menschen mussten, wie man so schön sagt, aussteigen. Nur der totale Rückzug aus dem vorher gelebten Leben half ihnen dabei, den Weg irgendwann wieder zurückgehen zu können in eine Normalität. Übersteigerte Erwartungen an sie selbst und durch ihr Umfeld hatten sie krankgemacht.

Sich selbst nahe zu sein, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie im Einklang mit der Umwelt zu leben, kann eine gesunde Form sein, durch das Leben zu gehen. Dazu gehört auch manchmal, still zu werden und den Moment wahrzunehmen. Wie durch eine Lupe: Tage alleine zu verbringen. Spazieren zu gehen. Den Himmel anzugucken. An einer Rose zu schnuppern. Eine Blaumeise über Minuten zu beobachten, wie sie angeflogen kommt, ein paar Körner aufpickt vom Boden, sich aufplustert und anschließend als kleines Federbällchen auf zwei dünnen Beinen in der Kälte schüttelt, bevor sie dann wieder davonfliegt.

Es sind nicht immer die guten Vorsätze, die ein Neues Jahr vergolden. Es sind die Momente und die damit verbundenen Gefühle, die es auf immer und ewig versilbern. Ich kann mir ja trotzdem vornehmen, künftig nichts mehr aus Plastik zu kaufen. Und Texte zum Neuen Jahr früher zu schreiben als es dieses Mal der Fall war.

 

Liebe

In Love. Forever

heart shaped pink and purple flower garden
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Wie es ist, eine besondere Freundin zu haben. Und sie dann zu verlieren.

Ein Text über ungewollte Abschiede von Liva Haensel

Prolog

Der Tod ist seltsam.

Manchmal schleicht er sich von hinten an, greift seinem Objekt der Begierde um den Hals und drückt einfach zu. Oder er kommt über Nacht, gleitet sanft von den umliegenden Bäumen auf das Dach des Hauses, landet lautlos auf dem Fensterbrett und schmiegt sich dann in die Kissen des Menschen, den er begehrt aufzusuchen.

Er hat so viele Gesichter.

Der Tod kommt in Begleitung tödlicher Krankheiten. Er macht uns das Leben schwer. Reicht es nicht, er käme alleine? Oder er zöge sich wieder zurück?

Als ich Dich das erste Mal im Hausflur in der Gethsemanestraße traf, das war im Sommer 2008. Wir wohnten in Berlin-Prenzlauer Berg. Ich war gerade in das Hinterhaus eingezogen, Aufgang römisch drei, III. Du wohntest über mir, auf der anderen Seite im 4. Stock. Die Wohnung war noch kleiner als meine, aber gut geschnitten. Auf dem Weg mit dem abgeratzten Kokosteppich zu Dir nach oben stand eine riesige Wasserpflanze mit Ablegern, die Du sorgfältig feucht hielst. Ich lernte schnell: Diese Frau bewegt sich viel, Treppensteigen macht ihr gar nichts. Und sie mag Grünes. Sehr.

Du warst braungebrannt von der Berliner und Brandenburger Sonne und hattest blaue, strahlende Augen, die mich wach und angenehm musterten. Aber was mir am meisten auffiel, das war Deine natürliche Art als Du mit mir dort das erste Mal sprachst. Wir sagten „Hallo“ und stellten uns gegenseitig vor. Es war eigentlich unspektakulär, ein Kennenlernen unter neuen Nachbarinnen, aber ich erinnere mich, wie ich danach dachte: Was für eine symphatische, natürliche Frau.

Eine Freundin von mir hat mal zu Studienzeiten einen revolutionären Satz gesagt: Sie sei in jeden ihrer Freunde und Freundinnen auch irgendwie verliebt. Wir redeten anschließend darüber, dass Verliebtsein nicht unbedingt immer mit Sex zu tun haben muss. Und dass man seine Freunde leidenschaftlich lieben kann. Dieser Satz passte sosehr zu mir, dass er mich fortan begleitete.

Wann ich mich genau in Dich verliebt habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es an dem Nachmittag als ich von der Redaktion nach Hause kam. Ich war als freie Journalistin für eine Tageszeitung tätig. Als dort der Gürtel immer enger geschnallt werden musste, wurde ich wie andere junge RedakteurInnen unschön geschasst. Zack, das war’s. Mir war hundeelend. Leichenblass kam ich von der Redaktion aus Mitte nach Hause und habe intuitiv sofort bei Dir geklingelt. Du hast mich reingelassen, ohne viele Worte, und mir einfach zugehört. Ich saß an dem Küchentisch, an dem wir viele Jahre später immer noch saßen, und habe Dir erzählt, wie tief getroffen ich sei von dieser Kündigung. Dieses  – gänzlich frei von Vorurteilen –  von Dir Angenommen-Werden und So-Sein-Können wie man ist in diesem Moment, das war eine der ganz großen Eigenschaften von Dir.

Unsere Nachbarschaft entwickelte sich zu einer Haus-, ja fast Lebensgemeinschaft. Du warst immer da, die Konstante in meinem Leben. Wir aßen zusammen, bekochten uns, wir machten Tee, luden uns gegenseitig ein. Ich mochte Deine pragmatische, naturverbundene Art und bewunderte Deine Fachkenntnisse zu Stadtplanung, Yoga, Ernährung, Bewegung und allen möglichen Orten in Brandenburg, die Du so gut kanntest.

Wir machten viele Ausflüge am Wochenende und die Berliner Bäderbetriebe unsicher. Dank Dir habe ich viele Schwimmbäder von innen gesehen, von Ost bis West. Wir machten Witze über die Beine anderer und lachten dabei gleichzeitig über unseren eigenen Speck und erste Dellen.

Du lerntest alle meine Freunde kennen. Wir redeten über Partner im Speziellen, Männer im Allgemeinen und unsere Freiheit. Letztere war extrem wichtig für uns beide, aber Du gingst noch einen Schritt weiter und löstest Dich aus alten Konventionen. Die Spannungen und Auseinandersetzungen mit Deiner Familie, Deine gut durchdachten Entscheidungen zu Deinem Berufsweg, Dein Burn-Out und die Konsequenzen daraus – das waren Stationen auf unserem Freundschaftsweg. Für Deinen Willen, nach Deinem Gefühl zu leben und ganz eng bei Dir zu sein, bewunderte ich Dich unendlich.

Als mich mein Job ins Ausland trug und raus aus unserer Gemeinschaft, war das nie ein Bruch. Ich wusste, dass Du nicht so international mobil bist. Es war einfach nicht Dein Ding, um die Welt zu jetten und Leute zu besuchen. Verbunden blieben wir dennoch über die vielen Berlinbesuche und unser Fundament, das so gut und fruchtbar über die vielen Jahre gewachsen war. Es ist seltsam – immer in meinem Leben, wenn ein Mensch ging, kam ein neuer. Sie ersetzten sich nicht gegenseitig, dazu waren sie einfach zu einmalig. Aber es war so, als würde jemand immer dafür Sorge tragen, dass ich beschützt bin, mit guten Menschen an meiner Seite. Du warst einer davon.

Im letzten Oktober habe ich Dich dann noch einmal gesehen. Wir tranken Aperol Spritz an der Spree und ließen Stunden lang die Beine und Seele baumeln am sowjetischen Ehrendenkmal im Treptower Park. Du hattest das an, was ich immer den „Berlin-Style“ nenne – T-Shirt, alte Jeans, Laufschuhe. Die Stadt ist laissez-faire, es passte mal wieder alles zusammen und Du ganz mittendrin. Wir verabschiedeten uns und ich schaute Dir nochmal kurz nach an der S-Bahn. Die Sonne schien im Herbstlaub und ließ Dein Gesicht kurz aufleuchten: Was für eine geniale, tolle Frau. Was für ein Glück, diese Freundin zu haben!

Wir redeten am Telefon über einen möglichen Bonn-Besuch. Ich sah Dich gedanklich in meiner gemütlichen Küche mit den Dachschrägen sitzen, mit Deinem wachen Blick und Deinen klugen Bemerkungen.

Das alles ist irgendwie nun vorbei. Und doch auch nicht.

Denn ich habe die Aufgabe, zu verstehen, dass Du jetzt tot bist.

Du Liebe.

Als die Nachricht davon per E-Mail kam, musste ich mich rasch auf das Sofa setzen, das Du auch noch kennst aus meiner alten Wohnung. Ich glaube, ich habe kurz aufgeschrien. Drei Monate hast Du gekämpft mit Deiner Krebserkrankung, bis zur Erschöpfung und doch voller Hoffnung, dass Du es schaffen könntest und wieder gesundwirst. Deine Krankengeschichte ist eine kurze, heftige.

Am 11. Juli 2019 bist Du gestorben.

Dieses Glück, Dich gekannt zu haben und mit Dir befreundet gewesen zu sein, wird die Schatten überlagern. Und dann, da bin ich mir sicher, wird die Sonne wieder besonders golden strahlen. Vor allem an Deinem Lieblingsort.

In Love. Forever

Gedenkseite für Beate

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Herzlich willkommen

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Heute würde Henry Nannen seinen Küchenzuruf hoffentlich so formulieren. 

 

Von Liva Haensel

Seit einiger Zeit tummeln sich auf dem deutschen Medienmarkt innovative, feministische Magazine und Formate. Dass guter Journalismus nicht mehr ohne sie auskommt, hat auch der Spiegel-Fall kurz vor Weihnachten deutlich gezeigt. 

Wenn man ein paar Jahre im Ausland gelebt hat, hat man das Gefühl, eine Menge verpasst zu haben. Zum Beispiel bezüglich Technik: CDs hört niemand mehr, es wird nur noch über Handy gestreamt, sagt die Media-Markt-Mitarbeiterin zu mir. Ich schaue nachdenklich und werde ein bisschen traurig – die vielen schönen, alten CDs, die ich gerade erst aus meinen Umzugskisten rausgefischt habe, was mache ich jetzt mit ihnen? Als ich noch einmal meinen Blick über die Ladenregale schweifen lasse, sehe ich ganz viele Schallplattenspieler. Vinyl ist doch Vintage und sie nehmen auch Platz weg, aber – die sind doch super! Vielleicht hat die Frau doch nicht recht und auch CDs werden irgendwann wieder en vogue sein… in altmodischen Musikanlagen oder coolen Ghettoblastern, who knows.

Etwas, das sich aber tatsächlich in Deutschland grundlegend geändert hat  – und hier wird es kein aufgezäumtes Vintage und kein Zurück in die guten, alten Zeiten mehr geben – ist der feministische Journalismus. Seine Blüten sind noch jung. Aber sie mausern sich schon zu  ausgewachsenen Blumenköpfen in diesem Land. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es rappelt in der medialen-feministischen Kiste! Und an dieser Stelle möchte ich ein paar Formate nennen, ohne die wir nicht mehr wollen und können.

Missy Magazine: Nicht mehr knospig, sondern absolut ausgereift und 10-jährig ist das mittlerweile legendäre Missy Magazine. Das Magazin für Pop, Politik und Feminismus mit Redaktion in Berlin-Mitte ist, glaube ich, das beste, was allen aufgeweckten Männern und Frauen hier je passieren konnte. Die Missy, wie ich sie auch gerne im Kurzjargon nenne, schafft es auf einzigartige Weise, partizipativ, LGBT-gerecht, sozial und journalistisch hochwertige und relevante Reportagen, Kommentare, Bildstrecken, Grafiken und Themen so aufzubereiten, dass jedes Heft immer ein absolutes Geschenk ist. Die Ursprungsredaktion hat sich mittlerweile geändert und erneuert; ein Zeichen, dass die Leute dort sich selbst hinterfragen, reflektieren und stets wach bleiben. Missy hat keine Angst vor Sex, Dreck oder Provokation – das ist ungemein mutig. Dafür zahlt das Blatt den Preis der Unabhängigkeit. Bis heute gibt es niemand Reichen in Deutschland, sprich Mäzen, der die Missy im Hintergrund finanziell so unterstützt, dass sie von ihren Macherinnen profitabel und sorgenfrei umgesetzt werden könnte. Ein Grund mehr, dieses tolle, so freie Magazin mit einem Abonnement zu unterstützen – oder?

Edition F: Über Edition F stolperte ich das erste Mal auf Facebook. Denn dort wurden immer wieder gute Artikel von dem Onlinemagazin durch die Crowd geteilt. So lernte ich, dass es seit 2014 ein digitales Magazin von „Frauen und ihren Freunden“ gibt. Mit einer Chefredakteurin, die unaufgeregt weißen, alten Politik-Alphas zum Beispiel (und anderen) völlig gewaltfrei erklärt, warum Sexismus niemandem hilft, sondern uns allen schadet. Edition F ist nie dogmatisch oder erhebt den Zeigefinger moralisch. Hier kann ich mich als normale*r Leser*in widerspiegeln, mit meinen Gefühlen, Interessen und meinem Blickwinkel aus Frauensicht, der für Männer genauso wichtig ist. Die große Stärke des Online-Magazins ist, dass hier auch die Community schreibt und somit Wissen teilt. Und dass Theresa Buecker, die Chefin, positiv-führend in der #metoo-Debatte hervorstach. Mit Fakten und ruhiger Argumentation in einer Diskussion, die längst überfällig war und die noch lange nicht durch ist.

Deine Korrespondentin: Dem Netzwerk von Auslandskorrespondentinnen hatte ich vor einem Jahr hier meinen ersten Artikel gewidmet. Das ist absolut verdient, denn Deine Korrespondentin hat etwas Revolutionäres getan: Pauline Tillmann, die Gründerin, hat die erste Plattform für deutschsprachige Journalistinnen aufgesetzt, auf der wir wirklich gute Texte zu guten Themen aus der ganzen Welt finden können. Aus erster Hand recherchiert von Expertinnen u.a. in Afghanistan, Peru, Israel oder Kasachstan, die die Landessprachen beherrschen, das journalistische Handwerk meisterlich verstehen und bewusst als Frauen Geschichten über andere Frauen machen. Außerdem gibt es einen Newsletter mit Infos und Links sowie aktuelle Podcasts. Pauline selbst sagt, dass sie immer noch kämpft. Denn auch Deine Korrespondentin verfügt über keine dicke Brieftasche. Die Plattform finanziert sich rein über Spenden sowie Veröffentlichungen in der Frankfurter Rundschau und auf Edition F. Pauline ist hochversiert und beteiligt sich aktiv an Konferenzen zu journalistischer Zukunft und Gründungen – auch mit Baby Amrai auf dem Podium. Das Team mit derzeit 10 Korrespondentinnen geht transparent und authentisch mit ihrem Media Lab um und lässt uns daran teilhaben. Wenn ihr Deine Korrespondentin unterstützen wollt, weil ihr auf guten Auslandsjournalismus steht, dann könnt ihr das hier tun.

Was ist nun so aufregend an feministischem Journalismus? Nun, er bedeutet eine notwendige Entwicklung für die Online- und Printlandschaft. Denn er wird vor allem zwei spezifische Gruppen beeinflussen: an allererster Stelle uns – die Frauen! Endlich kommen so Role-Models für uns auf den Markt, die wir Kommunikationsfrauen nie hatten. In meiner gesammelten Berufsvita zähle ich bis heute nur eine einzige Frau als Chefin, aber 8 Männer als Chefs. Da ist es großartig zu sehen, dass Frauen Führung ergreifen und eigene Formate im Journalismus definieren, die Männer nie benötigten, weil sie als Privilegierte immer schon von dem System profitiert haben. Und es ist aufregend auch für sie: die männlichen Alphas. Denn an gleichberechtigter, gendersensibler Information und Informationsbeschaffung kommt Qualitätsjournalismus nicht mehr vorbei, wenn er glaubwürdig und professionell gemacht sein will. Und der sogenannnte Qualitätsjournalismus wurde Jahrzehntelang von ihnen, den Herren am Kopf des Konferenztisches, den Alphas, gestaltet. Noch arbeiten diese in Vollzeit und definieren sich vor allem über ihre Jobs. Unvergessen für alle Journalistenschüler*innen bleibt in diesem Zusammenhang der sogenannte Küchenzuruf von Henry Nannen, dem langjährigen Stern-Chefredakteur. In seinem Beispiel für eine gelungene journalistische Kernbotschaft, die seine – vornehmlich männliche – Redaktion umsetzen sollte, ließ Nannen einen „Hans“ im „Esszim­mer“ den Stern lesen, während „Frau Grete“ in der Küche „sich die Schürze umbin­det, um sich für den Abwasch vorzubereiten“. Nach „beendigter Lektüre“ ruft Hans seiner Grete in die Kü­che zu: „Mensch Grete, die in Bonn spinnen komplett! Die wollen schon wieder die Steu­ern erhö­hen!“

Ich hätte in meiner Ausbildung zur Redakteurin (2005-2007) gerne ein anderes Beispiel vorgelebt bekommen. Frei von einem festgezurrten Rollenbild, das mich in eine Küche als Vollzeit-Hausfrau zwängte, aber sicher nicht als ambitionierte Nachwuchsjournalistin am Newsdesk sitzen sah. Ich hätte tief getroffen sein können damals von diesem schlechten Beispiel einer männlichen Arbeitswelt, in der ich gar nicht existierte. Aber es war normal: Männer wollten Journalisten werden, Frauen wollten es auch. Aber unser Weg war unsicherer. Damit mussten wir leben. Eigentlich brutal.

Viele Jahrzehnte ging das ziemlich gut. Die Alphas klopften sich gegenseitig auf die Schultern und bestätigten sich: „Wow, geht doch, Jungs!“ Frauen assistierten. Geschichten waren männlich gestrickt, sie enthielten vor allem männliche Protagonisten und sie entstanden aus der männlichen Feder.

Man war unter sich, es ging sehr gemütlich zu.

Mittlerweile liegt der Anteil weiblicher Volontäre in Redakteursausbildungen über 50 Prozent und der Anteil festangestellter und freier Journalistinnen in Deutschland geht an die 60 Prozent. Der Verein ProQuote Medien, der sich für eine 50-prozentige Machtverteilung für Frauen in Führungspositionen bei Rundfunk, Fernsehen sowie Tages- und Wochenzeitungen einsetzt, hat kürzlich eine erste Studie herausgegeben. Demnach ist Deutschland noch immer Entwicklungsland wenn es um die Gleichstellung von Frauen und Männern im Medienbereich geht. Denn Zahlen und Fakten sprechen für sich: Von 360 Zeitungen in unserem Land, werden nur 3(!) von Frauen geleitet. Und das in einem Fach, das sich als Hüter der Demokratie begreift.

Und was war da eigentlich Weihnachten los? Mann, Mann! Derzeit ist es still geworden um Claas Relotius. Kurz vor Heiligabend aber hatte der junge, charismatische und preisgekrönte Reporter das gesamte Spiegel-Imperium zum Beben gebracht, weil er nachweislich Reportagen ausgeschmückt und gefälscht hatte. Interessant bei der Sache war aber nicht das alleine, sondern wie die Spiegel-Redakteure damit umgingen.  Der Journalist Juan Moreno musste Schwerstarbeit leisten, um seine Spiegel-Chefs davon zu überzeugen, dass sein Kollege Relotius Mist gebaut hatte. Moreno hat das selbst beschrieben, sowohl in der Printausgabe des Spiegel als auch in einem Video. Wie konnte es passieren, dass ein junger Mann eine so glänzende Karriere auf Basis von Schein und Betrug machen konnte? Das ist nur möglich, weil ihn ein Netzwerk stützte, das an ihn glaubte und ihn stark förderte. Studien zeigen: Männer fördern Männer – alte Männer fördern gerne junge Männer. Sie sehen sie in den Positionen sitzen, wo sie selbst längst sind.

Es ist Zeit. Time is up für Alphas. Sie ist da für guten, echten, puren Journalismus. Von Frauen. Für Frauen. Und für alle anderen, die wollen und den langen Weg mit uns mitgehen.

Herzlich willkommen.

 

#ilovefeminism

 

Allgemein

Wie nachhaltig ist Hamburg?

Hamburger Ratschlag

Die UN-Agenda 2030 nimmt auch Deutschland in die Pflicht. Denn nur wenn auch Gemeinden und Städte die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ernst nehmen, ist ein Leben auf dem Planet Erde für alle möglich. Zivilgesellschaftliche Akteure hinterfragen deshalb regelmäßig die Hamburger Politik. Und wollen mehr als nur Lippenbekenntnisse.

Hamburg – Dass Nachhaltigkeit nicht nur ein weltumspannendes Thema ist, sondern auch direkt vor der Haustür stattfindet, zeigte der sogenannte „Hamburger Ratschlag“ am vergangenen Freitag. Im Bürgersaal Wandsbek trafen sich Vertreter von 16 Nichtregierungsorganisationen zu der mittlerweile 4. Podiumsplattform und erarbeiteten konkrete Vorschläge für ein nachhaltiges und gerechtes Hamburg. Die Schwerpunkte der Arbeitsgruppen lagen dieses Mal auf Umwelt, Stadtentwicklung und Mobilität. Die Vorschläge werden anschließend dem Hamburger Senat in Form eines Berichts mit Forderungen überreicht.

Der Hamburger Ratschlag findet zweimal im Jahr statt und basiert auf der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Diese wurden 2015 von allen unterzeichnenden Mitgliedsstaaten verabschiedet und schließen Entwicklungs- und Schwellen- wie auch Industrieländer gleichermaßen mit ein. Der unter dem Begriff  „Agenda 2030“ bekannte Fahrplan konzentriert sich dabei auf fünf Leitprinzipien: Mensch, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft. Alle fünf hängen unwiderruflich miteinander zusammen und orientieren sich stets an der Frage: Wie wollen wir leben? Dabei ist jeder einzelne Mensch gefragt, sich in seiner Stadt, Gemeinde oder Kommune zu engagieren.

Bei der Ausarbeitung für die SDGs – die Sustainable Developement Goals – waren Sustainable Development Goals_icons-15weltweit Akteure der Zivilgesellschaft maßgeblich beteiligt. „Was viele nicht wissen, ist, dass die SDGs eben nicht nur die Entwicklungspolitik betreffen, sondern jedes einzelne Politikfeld selbst“, stellte Jens Martens, Leiter des Global Policy Forums Europe e.V., auf dem Hamburger Ratschlag, heraus. In seiner Einführung ging es vor allem um die Frage, inwieweit sich Kommunen, Städte und Gemeinden für die Umsetzung der Agenda starkmachen könnten. Dabei zeigte Martens Beispiele von Saarbrücken und Thüringen auf, die die Nachhaltigskeitsziele bereits als Querschnitts-Themen in jedem Politikbereich verankert haben. In den Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmer deshalb konkret, was sich in Hamburg ändern soll. Unter anderem einigten sie sich auf die verstärkte Ausrichtung ökologischer Landwirtschaft durch eine 50%-Quote aller Neuverpachtungen in der Stadt ab 2020. Ökologische Landwirtschaft sei auf dem Vormarsch, aber „könne nicht von heute auf morgen umgesetzt werden“, merkte dabei ein Teilnehmer an. Doch hier müsste die Stadt mit ihren Vergaberichtlinien zu Grünflächen und Liegenschaften an den gesetzlichen Schrauben drehen. Auch Themen wie Wohnqualität, soziale Gerechtigkeit und Konsumverhalten wurden angestoßen. Insgesamt sei die Agenda 2030 aber noch sehr unbekannt und müsse stärker in das Bewusstsein von Politikern und normalen Bürgern rücken, so der Tenor.

Die Freie und Hansestadt Hamburg versteckt die Nachhaltigkeitsziele bisher hinter einem spröden Titel: Die Drucksache 21/9700 ist im Internet abrufbar, aber unter Hamburgern kaum bekannt. Dass auch die Hamburger Presse daran nicht viel ändere, stellten viele engagierte Vertreter der anwesenden Vereine am Freitag unisono fest. Um den Senat stärker in die Verantwortung zu nehmen, hat der Hamburger Ratschlag deshalb auch vor, Fortschritte oder Stillstand zu beobachten: „Wir müssen monitoren, was mit der Umsetzung weiter geschieht“, sagte Professorin Christa Randzio-Plath, Juristin und Vorsitzende des Marie-Schlei-Vereins, der neben dem Zukunftsrat Hamburg, dem Landesfrauenrat Hamburg und W3 – Werkstatt für Internationale Kultur und Politik zu der Plattform eingeladen hatte.

Der nächste Hamburger Ratschlag findet voraussichtlich am 23. November 2018 statt, dann zu den Themen Wirtschaft und Menschenrechte. Teilnehmen können Vertreter von Nichtregierungsorganisationen sowie alle Interessierten.

Gesellschaft, Politik

Eine Frage der Menschlichkeit 

 

In den deutschen Kinos läuft derzeit „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, ein Film über vier Berliner Juden, die während der Nazizeit im Versteck überleben konnten. Jetzt — 75 Jahre später — hat die Bundesregierung entschieden, die Stelle einer/eines Antisemitismus-Beauftragten zu schaffen. Was ist los mit uns Deutschen? 

„Mich hat sehr berührt, dass dieser junge Mann im Film am Ende sagt, wenn man ein einziges Menschenleben rettet, dann rettet man die ganze Welt.“ Ein Publikumsbeitrag im Abaton-Kino in Hamburg am Sonntagmorgen. 200 Menschen sind gekommen, um sich den auf Zeitzeugen  basierenden Film „Die Unsichtbaren“ anzuschauen und nach der Vorführung darüber zu diskutieren. Der junge Mann im Film ist Cioma Schönhaus, einer der Protagonisten aus Berlin, der die Nazizeit — immer auf der Flucht und in dauernder Gefahr, erkannt und verraten zu werden, überleben konnte. Der Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels hatte 1943 Berlin als „judenfrei“ proklamiert. Tatsächlich hatten sich bis dahin etwa 7000 Juden dem Deportationsbefehl in den Osten widersetzt und lebten fortan im Untergrund in der Hauptstadt. „Die Unsichtbaren“ existierten nun offiziell nicht mehr. Sie schlüpften unter bei Freunden und Fremden, wochen- oder tageweise, illegal, ohne Geld und Papiere. Dieser Lebensgefahr setzen sich auch ihre Helfer aus. Menschen, die aus allen Schichten kamen, manchmal keine politischen Absichten verfolgten, aber tief in sich spürten, dass der tödliche Auslöschungsstrategie der Nationalsozialisten etwas entgegengesetzt werden musste.

Ich wollte etwas für mein Vaterland tun.                                                                     (Helene Jacobs, Widerstandskämpferin, zu Cioma Schönhaus)

Schönhaus zitiert in der Schlussszene seine Retterin Helene Jacobs. Sie ermöglichte ihm, bis zum Schluss in einer Werkstatt als Passfälscher zu arbeiten. Am Ende warnte sie ihn noch vor einer drohenden Verhaftung — und wurde selbst abgeholt. Helene Jacobs gehörte der Bekennenden Kirche an und wurde zu 2,5, Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie habe ihm und anderen Juden mit falschen Papieren, Lebensmitteln und Quartier geholfen, um „etwas für ihr Vaterland“ zu tun, habe sie ihm einmal gesagt. Das hat ihn, den damals jungen Grafiker, der sich auf dem Fahrrad am Kriegsende durch das zerbombte Deutschland in die Schweiz durchschlug, sehr beeindruckt. Schönhaus konnte sich ein neues Leben in der Schweiz aufbauen, er gründete eine Familie und starb 2015. Vor der Kamera sieht man einen Menschen, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist. Vermutlich auch, weil er in dem Wahnsinn der Nazizeit, den er durchlitt, auf die Frage nach Menschlichkeit eine positive Antwort erleben konnte.

Wie steht es um uns selbst?

Die Menschen in dem Kinosaal haben einen Altersdurchschnitt von 55+. Junge Menschen unter 20 Jahren sind nicht gekommen. Die moderierte Diskussion, die die Hamburger Balint-Gesellschaft übernommen hat, ist emotional. Alle Teilnehmer drücken ihre Gefühle aus, packen in Worte, was sie beschäftigt. Aber ein wichtiger Aspekt fehlt: Was ist heute los in Deutschland? Wie steht es um unseren eigenen Rassismus und Antisemitismus? Sind wir, die Zuschauer, auf der sicheren Seite, weil wir Hochschulausbildungen und gute Jobs haben?

Zur Erinnerung: Eine rechte Partei sitzt im Bundestag und hat eine signifikante Wählerschaft in den neuen Bundesländern vorzuweisen. Die NSU konnte jahrelang agieren und morden ohne dass Staat und Gesellschaft es gemerkt haben (oder merken wollten). In Dessau wird ein Prozess nach langer Zeit wieder aufgerollt mit vielen Fragezeichen an die deutsche Justiz, bei dem ein Asylbewerber aus Sierra Leone mutmaßlich in seiner Zelle verbrannt wurde. Die Bundesregierung hat gerade das Amt einer/eines Antisemitismus-Beauftragten bestätigt.

Ein rechtes Problem

Der Antisemitismus-Bericht, der seit 2013 jährlich erscheint, gibt auf rund 300 Seiten Auskunft darüber, welche Formen des Antisemitismus es gibt, wie dieser ausgeprägt ist und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Ein Punkt darin ist, dass Einrichtungen, die aufklären und fördern, unbedingt finanziell sichergestellt werden sollten. Ein paar Kapitel sind auch dem „Israel bezogenen Antisemitismus“ geschuldet. In diese Kategorie, die naturgemäß parallel zum Nahostkonflikt und Israels Anspruch auf die Westbank, Gaza und Jerusalem entstand, fällt vermutlich das Verbrennen israelischer Flaggen auf Demonstrationen in Deutschland. Auch geht der Bericht auf Judenfeindlichkeit unter Migranten und Muslimen ein. Dennoch stellt er am Ende  heraus: Antisemitismus ist ein primär rechtes Problem. Es muss aus der Mitte der Gesellschaft heraus bekämpft werden. Das Problem existiert in unseren Emotionen, eine Messung eben dieser ist eine schwierige Angelegenheit. Wir können uns ergo nicht zu den Wissenden stilisieren, die sich besser und anders verhalten und als die wir uns selbst so gerne sehen würden.

Ich kann eingreifen. Oder es sein lassen.

Zivilcourage kann man üben. In Trainings und Diversity-Workshops. Aber vor allem in Alltagssituationen, in ganz normalen Gesprächen. Im Kontakt mit Menschen, am besten vielen unterschiedlichen Menschen. Wie reagiere ich, wenn ich mitbekomme, dass auf dem U-Bahn-Steig ein schwarzer Mann von Polizisten nach seinen Papieren gefragt wird? Nehme ich als Nicht-Betroffene das „Racial Profiling“ überhaupt wahr? Ich kann eingreifen. Ich kann es auch sein lassen. Habe ich Kontakt mit jüdischen Schülern, Nachbarn, Bekannten, der Gemeinde in meinem Ort? Sogar die Volkshochschulen bieten Kurse zu Judentum und jüdischer Literatur an. Ich kann einen Kurs belegen. Ich kann es auch sein lassen.

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren einmal in einer Berliner-S-Bahn Richtung Steglitz die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ las. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, das sehr gut gekleidet war, beide etwa Ende 50. Die Frau guckte auf den Zeitungstitel, beobachtete mich eindringlich und guckte dann wieder auf den Titel. Schließlich trafen sich unsere Blicke und sie lächelte mich an. Ihr Lächeln bestand aus einem Mund, der zu einer Grimasse verzerrt war. In ihren Augen konnte ich eine Mischung aus Mitleid und Argwohn entdecken.

Dieses Erlebnis wäre klein, ja fast unbedeutend gewesen. Hätte es mir damals nicht so deutlich gezeigt, was es bedeutet, auf einmal als „anders“ wahrgenommen zu werden. Mitten in der Weltstadt Berlin.

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Der Artikel erschien auch online auf dem Nahostmagazin dreiecksbeziehung.net.

Allgemein

Mitten ins Gesicht

Der Tweet des AFD-Politikers Jens Maier zeigt, dass Rassismus in Deutschland immer noch tief verankert ist. Doch statt mit dem Finger nur auf die AfD zu zeigen, sollten nicht-von-Rassismus-betroffene Deutsche jetzt selbst aktiv werden. 

Eigentlich sollten wir fast dankbar sein. Dankbar für die Ohrfeige, die der rassistische AFD-Politiker Jens Maier  – unbekümmert, dumm – uns weißen Mainstream-Menschen gerade mitten ins Gesicht verpasst hat. Denn vielleicht wachen wir ja jetzt nach dem Knall mal auf und nehmen unsere Verantwortung ernst.

„Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“ Dieser rassistische Tweet von Maier erschien letzte Woche in seinem Twitter-Stream und enthält seine Reaktion auf eine Bemerkung Noah Beckers, dem Sohn von Tennisspieler Boris Becker. Dieser hat Maier jetzt angezeigt.

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Screenshot auf twitter.com

Wir haben das Jahr 2018. Es war genau 2001 als die dritte UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban/Südafrika die Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärte und den europäischen Sklavenhandel und Kolonialismus als historische Basis für Rassismus anerkannte.  2007 schließlich erklärte die UNO-Vollversammlung den 25. März zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer der Sklaverei und des transatlantischen Sklavenhandels“. Die Linie zwischen europäischem Kolonialismus und Rassismus, der bis heute in jeder unserer Gesellschaftsschichten zu finden ist, ist gezogen. Wir haben – zumindest äußerlich – verstanden, dass es da einen Zusammenhang gibt. Deutschland war – wie auch Portugal, Frankreich, England und Spanien – eine Kolonialmacht und hat Afrikaner missbraucht, versklavt und getötet.

Aber die Macht der Worte entgleitet uns schnell  – sie wird von den meisten weißen Menschen schlicht nicht als solche wahrgenommen.  Noah Becker hatte in einem Interview gesagt, dass Berlin im Vergleich zu London oder Paris eine „weiße Stadt“ sei und er selbst wegen seiner braunen Hautfarbe dort attackiert werde. Noah Becker ist Musiker und DJ. Er lebt gerne in Berlin, sagt er. Aber als Sohn einer schwarzen Frau und eines weißen Vaters ist er von Rassismus betroffen: Er und seine Freunde würden immer wieder beschimpft werden, fremde Leute machten sich über seine Haare lustig.

Maier redete sich nach der Veröffentlichung seines Tweets damit heraus, dass „ein Mitarbeiter“ diesen freigesetzt habe. Eine PR-Panne also, die darauf beruht, dass die AFD noch nicht so fit in Social-Media-Strategien ist? Wohl eher unwahrscheinlich. Denn Maiers Tweet passt vorzüglich in das Parteibild der AFD. In seinem Twitter-Stream wird der Dresdner nicht müde, den Islam zu verteufeln und die christlichen Werte des Abendlandes zu betonen.

Maiers „Entgleisung“ ist keine im eigentlichen Sinne, zeigt sie doch sein wahres Gesicht. Und seine offensichtliche Wut darüber, dass Berlin vielleicht nicht ganz so offen sein könnte wie andere Hauptstädte. Wie aber will der Jurist – ein weißer deutscher Mann mittleren Alters – das beurteilen? Die AfD ist eine Menschen verachtende Partei, die ausgrenzt, indem sie klassisch das Eigene und das Fremde als unüberbrückbare Gegensätze gegenüberstellt. Aber Rassismus gibt es überall, wir alle sitzen mit im Boot. Wir, die wir mehrheitlich nicht von Rassismus betroffen sind. Weißen Menschen machte es nie etwas aus, dass N*-Wort zu benutzen oder es zu hören – natürlich nicht, es betraf sie einfach nicht. Erst als schwarze Menschen die rassistischen Begriffe in Frage stellten und ihre Diskriminierung verdeutlichten, bewegte sich etwas.

Doch Deutschland ist langsam und die Kolonialgeschichte ein Kapitel, das gerne damit abgetan wird, dass die Kolonialpolitik nicht sehr erfolgreich und nur gering vonstatten gegangen sei. Wenn wir uns aber – und hier spreche ich ganz explizit uns weiße deutsche Menschen an – tatsächlich von der AFD unterscheiden wollen, dann müssen wir massiv an uns arbeiten. Worte benutzen wie N*? Geht nicht. Schwarzafrika? Geht nicht. Wir sollten einschreiten, wenn wir Rassismus erleben, der sich so oft in einem einzigen Wort zeigt und der immer und überall da ist. Wir müssen unsere eigenen Bilder in unserem Kopf hinterfragen. Wir müssen mehr lesen zu dem Thema, mehr debattieren. Aber vor allem sollten wir uns mit Menschen anderer Hautfarben in Deutschland darüber unterhalten, wie sie unser Verhalten sehen und beurteilen. Wir müssen ihnen zuhören und von ihnen lernen. Denn das haben wir bitter nötig.

Die Autorinnen Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.) haben ein Lexikon veröffentlicht, das vornehmlich von people of color geschrieben wurde und weiße Menschen darin unterstützt, sensibler mit ihrer eigenen Sprache umzugehen: „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagwerk“, Unrast-Verlag (2011).

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