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Mitten ins Gesicht

Der Tweet des AFD-Politikers Jens Maier zeigt, dass Rassismus in Deutschland immer noch tief verankert ist. Doch statt mit dem Finger nur auf die AfD zu zeigen, sollten nicht-von-Rassismus-betroffene Deutsche jetzt selbst aktiv werden. 

Eigentlich sollten wir fast dankbar sein. Dankbar für die Ohrfeige, die der rassistische AFD-Politiker Jens Maier  – unbekümmert, dumm – uns weißen Mainstream-Menschen gerade mitten ins Gesicht verpasst hat. Denn vielleicht wachen wir ja jetzt nach dem Knall mal auf und nehmen unsere Verantwortung ernst.

„Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“ Dieser rassistische Tweet von Maier erschien letzte Woche in seinem Twitter-Stream und enthält seine Reaktion auf eine Bemerkung Noah Beckers, dem Sohn von Tennisspieler Boris Becker. Dieser hat Maier jetzt angezeigt.

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Screenshot auf twitter.com

Wir haben das Jahr 2018. Es war genau 2001 als die dritte UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban/Südafrika die Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärte und den europäischen Sklavenhandel und Kolonialismus als historische Basis für Rassismus anerkannte.  2007 schließlich erklärte die UNO-Vollversammlung den 25. März zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer der Sklaverei und des transatlantischen Sklavenhandels“. Die Linie zwischen europäischem Kolonialismus und Rassismus, der bis heute in jeder unserer Gesellschaftsschichten zu finden ist, ist gezogen. Wir haben – zumindest äußerlich – verstanden, dass es da einen Zusammenhang gibt. Deutschland war – wie auch Portugal, Frankreich, England und Spanien – eine Kolonialmacht und hat Afrikaner missbraucht, versklavt und getötet.

Aber die Macht der Worte entgleitet uns schnell  – sie wird von den meisten weißen Menschen schlicht nicht als solche wahrgenommen.  Noah Becker hatte in einem Interview gesagt, dass Berlin im Vergleich zu London oder Paris eine „weiße Stadt“ sei und er selbst wegen seiner braunen Hautfarbe dort attackiert werde. Noah Becker ist Musiker und DJ. Er lebt gerne in Berlin, sagt er. Aber als Sohn einer schwarzen Frau und eines weißen Vaters ist er von Rassismus betroffen: Er und seine Freunde würden immer wieder beschimpft werden, fremde Leute machten sich über seine Haare lustig.

Maier redete sich nach der Veröffentlichung seines Tweets damit heraus, dass „ein Mitarbeiter“ diesen freigesetzt habe. Eine PR-Panne also, die darauf beruht, dass die AFD noch nicht so fit in Social-Media-Strategien ist? Wohl eher unwahrscheinlich. Denn Maiers Tweet passt vorzüglich in das Parteibild der AFD. In seinem Twitter-Stream wird der Dresdner nicht müde, den Islam zu verteufeln und die christlichen Werte des Abendlandes zu betonen.

Maiers „Entgleisung“ ist keine im eigentlichen Sinne, zeigt sie doch sein wahres Gesicht. Und seine offensichtliche Wut darüber, dass Berlin vielleicht nicht ganz so offen sein könnte wie andere Hauptstädte. Wie aber will der Jurist – ein weißer deutscher Mann mittleren Alters – das beurteilen? Die AfD ist eine Menschen verachtende Partei, die ausgrenzt, indem sie klassisch das Eigene und das Fremde als unüberbrückbare Gegensätze gegenüberstellt. Aber Rassismus gibt es überall, wir alle sitzen mit im Boot. Wir, die wir mehrheitlich nicht von Rassismus betroffen sind. Weißen Menschen machte es nie etwas aus, dass N*-Wort zu benutzen oder es zu hören – natürlich nicht, es betraf sie einfach nicht. Erst als schwarze Menschen die rassistischen Begriffe in Frage stellten und ihre Diskriminierung verdeutlichten, bewegte sich etwas.

Doch Deutschland ist langsam und die Kolonialgeschichte ein Kapitel, das gerne damit abgetan wird, dass die Kolonialpolitik nicht sehr erfolgreich und nur gering vonstatten gegangen sei. Wenn wir uns aber – und hier spreche ich ganz explizit uns weiße deutsche Menschen an – tatsächlich von der AFD unterscheiden wollen, dann müssen wir massiv an uns arbeiten. Worte benutzen wie N*? Geht nicht. Schwarzafrika? Geht nicht. Wir sollten einschreiten, wenn wir Rassismus erleben, der sich so oft in einem einzigen Wort zeigt und der immer und überall da ist. Wir müssen unsere eigenen Bilder in unserem Kopf hinterfragen. Wir müssen mehr lesen zu dem Thema, mehr debattieren. Aber vor allem sollten wir uns mit Menschen anderer Hautfarben in Deutschland darüber unterhalten, wie sie unser Verhalten sehen und beurteilen. Wir müssen ihnen zuhören und von ihnen lernen. Denn das haben wir bitter nötig.

Die Autorinnen Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.) haben ein Lexikon veröffentlicht, das vornehmlich von people of color geschrieben wurde und weiße Menschen darin unterstützt, sensibler mit ihrer eigenen Sprache umzugehen: „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagwerk“, Unrast-Verlag (2011).

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