Allgemein

HIER und JETZT

Jeder Mensch hat eine eigene Lebensgeschichte. Dieses kostbare Juwel ist es wert, erzählt zu werden. Besonders, wenn es sich um die eigene Familiengeschichte handelt. Denn sie beantwortet auch Fragen der heutigen Generation nach dem Hier und Jetzt. Ein Artikel darüber, warum es sich lohnt, Familienforschung zu betreiben.

Ich erinnere mich nicht genau, wann ich anfing, Fragen zu stellen. Vermutlich schon früher als mir bewusst ist. Mit 20 Jahren war ich in der Krankenpflegeausbildung in Hamburg und dort hatte ich den ganzen Tag mit zumeist älteren Menschen zu tun. Wenn man auf Station ist und sie pflegt, kommt man ihnen nahe. Beim Bettmachen, Fiebermessen, Urinkatheterlegen, beim Füttern und der Medizingabe.

Das alles waren Tätigkeiten am Menschen oder – so nannten wir Pflegekräfte es damals -„am Bett“. Das Wichtigste aber, das war das Gespräch. Die Fragen und das Zuhören. Es war eigentlich egal, ob man gerade die Haare einer Patientin kämmte oder ihren Rücken mit einem Schwamm und Duschgel wusch während sie in der Badewanne saß, ob man als Krankenpflegeschülerin Teebeutel sortierte oder Venenwickel aufrollte – das Gespräch mit den Menschen dort, das war zentral.

Die Kostbarkeit einer Lebensgeschichte

Jeder Mensch hat eine Lebensgeschichte, die sich in viele kleinste Einzelteile auffächert und tausend Farben hat. Das ist das Faszinierende: Egal, wo wir leben und hergekommen, was gerade jetzt ist und noch sein wird – wir alle haben diese eine Lebensgeschichte, jede und jeder einzelne von uns. Sie ist einmalig. Es mag Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten und große Unterschiede geben zwischen ihnen allen. Aber die Kostbarkeit einer Lebensgeschichte wiegt ganz für sich allein.

Ich habe damals viele gehört auf Station und später wurden es noch mehr. Als ich als Studentin in Berlin todkranke Menschen zuhause in ihren vier Wänden in ihrer letzten Lebensphase begleitete, haben einige von ihnen immer auch von dem „alten Berlin“ erzählt. Mit dem „alten Berlin“ war die Hauptstadt vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe gemeint. „Es war wunderschön, kein Vergleich mit jetzt“, sagte eine Steglitzerin, die ich wegen ihres Diabetes zuhause betreute. Sie berichtete mir, wie der Potsdamer Platz ausgesehen hatte und das Haus Vaterland und wie sie dort Kaffee trinken war und sich dafür mit einem feinen Kleid zurechtgemacht hatte. Es war so bildlich wie sie das erzählte, dass ich sie vor mir sah, wie sie die dort die Leipziger Straße entlangging, in ihrem schwingenden Kleid, ganz jung und lebenshungrig. Ich konnte sie einfach fragen, wie Berlin damals ausgesehen hatte und sich anfühlte, wie sie die Stadt jetzt sieht, was damals passiert war nach dem Krieg, eigentlich alles. Das ist ein großes Glück! Dass Menschen gerne erzählen – wenn man ihnen Fragen stellt – und dass es eigentlich keine langweiligen Geschichten gibt in dieser Welt.

Familiengeschichte im Brennglas

Nach der eigenen Familiengeschichte zu fragen, ist ergo eine logische Konsequenz. Nur dass man da nun selbst irgendwie mit im Boot drinsitzt, etwas abseits zwar, aber eben doch drin. Die Lebensgeschichten unserer Eltern und Großeltern sind einmalig für uns. Sie geben uns Erklärungen dafür, warum alles „so“ ist und auch, warum wir „so“ sind. Aber was machen wir mit dem „so“? Können wir es auflösen? Können wir das Bild scharf stellen wie mit einer Kamera und ihm anschließend einen passenden Bilderrahmen geben?

Die eigene Familiengeschichte ist ein Teil von uns. Sie kann uns Angst machen oder ganze Schätze nach oben holen, hinein ins Licht. Vielleicht auch beides. Die Frage „Was ist damals passiert?“ ist keine, die in zwei Sätzen beantwortet werden wird. Sie wird Mosaiksteinchen aufzeigen, kleine und größere. Einige blitzen und blinken, andere sind verstaubt, ja, kaum zu sehen. All das ist normal. Wer sich auf die Suche nach der Vergangenheit begibt, der findet sich an Weggabelungen wieder und manchmal auch Irrwegen. Denn Erinnerungen sind meistens oral überlieferte Erzählungen ohne Gewähr auf Vollständigkeit. Unsere Suche aber wird belohnt mit Mosaiksteinchen, die ein neues Bild auch unseres eigenes Lebens ergeben. Des HIER und JETZT. Das ist eine wunderbare Erfahrung. Denn die Steinchen pflastern und prägen unseren eigenen Lebensweg, der auch in unsere Zukunft führt.

Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Die Familiengeschichte meiner Mutter ist eine besondere. Weil es auch ein Teil meiner Geschichte ist, da meine Mutter uns Kinder natürlich geprägt hat. Gleichzeitig ist sie eine unter tausenden. Aber ich bin mir sicher: Der Sommer an der Ostsee 1944 wie sie ihn erlebt hat, muss herrlich gewesen sein!

Ich glaube, meine Mutter war viel draußen damals. Es war ein sehr heißer Sommer in Pommern dort an der Ostsee. Die Kinder tobten durch die Kiefernwälder und über die Dünen. Meine Mutter hatte kurze Kleider an, ein sechsjähriges Mädchen, der Stoff reichte ihr bis zu den Knien und sie trug geflochtene Zöpfe, die zu Affenschaukeln eingebunden waren. Auf Schwarz-Weiß-Fotos sehe ich einen fröhlichen, entschlossenen, kleinen Menschen, der selbstbewusst in die Kamera guckt. Mein Opa hatte damals schon einen hochwertigen Fotoapparat, den er ausgibig nutzte, um Fotos von seinen Kindern und seiner Frau zu machen. Urlaub in Ostpreußen, Strandkörbe und überall spielende, hüpfende Kinder im Sand. Ich habe diese Fotos im Original gesehen. Meine Großmutter hatte sie trotz der Flucht aus Königsberg retten können und später feinsäuberlich in Fotoalben eingeklebt, mit kurzen erklärenden Sätzen dazu. So als wäre die Welt im Fotoalbum wenigstens ein bisschen in Ordnung geblieben.

Es gibt ein Foto, auf dem meine Mutter mit ihren Geschwistern zu sehen ist: Peter, der ältere Bruder, die jüngere Schwester Gila, die kleine Irmgard genannt Irmi, die Mutter Lieselotte und ihre Eltern. Die Gruppe liegt entspannt im Sand und wirkt völlig gelöst. „Opa, lach mal, forderten wir unseren Opa auf. Und dann lachte er und sein kugelrunder Bauch hüpfte dabei auf- und ab, was uns noch mehr Spaß machte“, erzählt meine Tante Gila.

Ein Berliner Waisenhaus in Pommern

Mein Urgroßvater Willi Heinrici war Volksschullehrer und Berliner. Er war seit 1920 Leiter der Wadzeck-Anstalt, einer evangelischen Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sich um Waisenkinder zu kümmern. Die Stiftung hatte ihren Sitz in Berlin-Lichterfelde in der Limonenstraße. Etwa 120 Kinder im Alter von drei bis 18 Jahren lebten damals in der Wadzeck-Anstalt und gingen dort auch zur Schule. Als die Bombenangriffe 1943 in Berlin immer heftiger wurden, entschied die Leitung, dass die Kinder evakuiert werden sollten. Das Erholungsheim der Stiftung an der pommerschen Ostseeküste war eine große Villa mit mehreren Nebengebäuden. Mann und Maus zogen nun in den kleinen Ort Deep nahe Kolberg. Das Fischerdorf direkt an der Ostsee war durchzogen mit vielen Dünen und einem Kiefernwald. Ein idealer Ort zum Spielen für Kinder.

Meine Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt noch in Königsberg. Die Berliner Familie Schultes war aufgrund der Tätigkeit des Vaters Dr. Werner Schultes 1938 von Berlin in die preußische Hauptstadt gezogen. Mein Opa war Arzt. Er wollte seine internistische Facharztausbildung an der Universitätsklinik in Könisgberg absolvieren und hatte dort noch gute Beziehungen aus der Zeit seiner Medizinstudiums. „Wir hatten eine große, schöne Wohnung in der Nähe der Wallanlagen“, erinnert sich meine Mutter. Die Kinder spielten im Innenhof mit den Nachbarn, rauften miteinander und vertrugen sich wieder. Meine Oma, Liselotte Schultes, war medizinisch-technische Assistentin und hatte ihre Ausbildung an der Berliner Charité gemacht. Sie hatte sich, wie ihr Mann, ganz der Medizin verschrieben und hätte es fast selbst studiert. Als die Angriffe auf Königsberg immer heftiger wurden, entschloss sich meine Oma 1944 auf Anraten ihres Mannes, der als Militärarzt und Offizier ein Lazarett in der Nähe der Front leitete und dadurch immer aktuelle Nachrichten parat hatte , Königsberg zu verlassen. Mit ihren vier Kindern im Alter von acht bis zwei Jahren verließ sie die liebgewonnene Stadt und zog vorübergehend zu ihren Eltern und deren Waisenkindern nach Deep. Dort, in dem kleinen Dorf, schien alles noch ruhig zu sein. Man könne „Pommern halten“, hieß es.

Die Ruhe vor dem Sturm

Mein Onkel Peter, 1936 geboren, war damals Grundschüler. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1986 hatte er noch einen Bericht verfasst über die Zeit in Deep 1944, die er als sorglos und sehr frei empfunden haben muss. Er war bereits zwei Jahre in Königsberg zur Schule gegangen. In Deep gab es nur eine einfache Volksschule, deren Schulbank nun eine bunte Mischung jüngerer und älterer Kinder drückte – Einheimische und Flüchtlinge. Die Idylle der Wadzeck-Villa an der Ostsee war im Grunde eine Art Ruhe vor dem Sturm. Denn Nazi-Deutschland war kurz vor seinem endgültigen Untergang. Millionen Deutsche würden sich Wochen und Monate später auf die Flucht begeben, jetzt noch nichtsahnend, darunter auch die Familie Schultes gemeinsam mit den Kindern der Wadzeck-Anstalt und ihrem Leiter Willi Heinrici.

Onkel Peters Bericht endet im März 1945 mit den Worten: „Die Russen kommen nach Deep.“ Seine Schwester, die 6-jährige Marlise, meine Mutter, weiß noch, dass sie alle am 11. März um die Mittagszeit die Wadzeck-Anstalt fluchtartig verließen. Alle Kinder, das Personal, die Lehrer, mein Urgroßvater und seine Familie. Sie gingen zu Fuß los, meine Oma schob den Kinderwagen mit etwas Gepäck und der kleinen Irmi. „Wir hatten nichts mit, nur die eigenen Kleider, die wir am Leib trugen, auch meine Puppe oder irgend ein anderes Spielzeug musste ich zurücklassen“, sagt meine Mutter. Und so wurde aus einer ganz normalen, glücklichen Kindheit…

… eine Kindheit auf der Flucht.

Wie ging es weiter? Über die Geschichte meiner Familie auf der Flucht und nach 1945 werde ich hier in meinem Blog weiter berichten.

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